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Mit verbalen Wattebäuschen gegen Folterknechte: DER SPIEGEL und Ägypten

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Es ist sicherlich eine besondere Herausforderung, in einem wöchentlichen Print-Magazin angemessen über eine unübersichtliche Situation wie in Ägypten zu berichten. Dennoch: Etwas mehr Mühe hätte sich DER SPIEGEL in der noch aktuellen Ausgabe (Nr. 6/7. 2. 11) schon geben können.

Er verplempert eine komplette Seite (S. 82, leider nicht frei online) auf ein Interview mit dem republikanischen US-Senator John McCain, ohne ihn auch nur andeutungsweise zu fragen, wie er heute die jahrzehntelange finanzielle und militärische Unterstützung von Muhammad Husni Mubaraks Regime durch die USA beurteile. (Das Handelsblatt nennt heute wieder die bekannte Zahl: „Washington unterstützt das ägyptische Militär mit jährlich 1,3 Milliarden Dollar.“)

Lieber liefern die Interviewer Marc Hujer und Gregor Peter Schmitz ihrem Gegenüber im SPIEGEL eine Plattform, um vermeintliche Versäumnisse der Obama-Regierung zu kritisieren. Nachfragen zur Ägypten-Politik republikanischer Regierungen? Fehlanzeige!

Im Vergleich zu den SPIEGEL-Statements klang McCain bei der Münchner Sicherheitskonferenz fast selbstkritisch (laut The Weekly Standard): „I believe the events in Egypt and elsewhere call for a new look at our approach to undemocratic governments everywhere, especially in the broader Middle East.”

Sechs Seiten später (S. 88, ebenfalls nicht frei online) darf sich SPIEGEL-Korrespondent Volkhard Windfuhr (74) über die „Zeitenwende in Kairo“ auslassen.

Über Gamal Abd al-Nasser schreibt er: „Nasser buhlte nicht um Volksnähe, er hatte sie. Und so brutal die Diktatur war, die er errichtete, so dunkel seine Folterkeller, so unbestritten war das Selbstwertgefühl, das er den Barfüßigen vermittelte. ,Irfaa rasak, ja achi’, ,Heb deinen Kopf, Bruder!’, so begann er seine Reden. […]
Am 10. Juni sprach ein gebrochener Nasser zu seinem Volk. ,Ich übernehme die Verantwortung [für die Niederlage im Sechs-Tage-Krieg] und trete zurück.’ Alle liefen auf die Straßen, Menschen umarmten sich, dann skandierten sie: ,Maalisch’, ,Macht nichts’ (…), ,Bleib bei uns, du bist einer von uns’.
Das waren die großherzigen Ägypter. Das war Nasser. Als er drei Jahre später starb, gab es Verzweifelte, die sich das Leben nahmen.“

Ich versteige mich mal zu der gewagten Behauptung, dass sich das Bedauern der überlebenden Insassen von Nassers Folterkellern in Grenzen hielt.

Windfuhr über Mubarak: „Ich habe ihn mehrmals interviewt, und so enttäuscht ich heute von ihm bin, kann ich nicht umhin, seine Leistungen zu würdigen.“ (Was sich Mubaraks Regime in Sachen Menschenrechten leistete, beschreibt Wikipedia hier.)

Wie solche Interviews gelaufen sein könnten, schildert Volkhard Windfuhr in einer kleinen Episode. Ihm ging es wohl u. a. auch darum, nicht die Gefühle des Diktators zu verletzen: „Als ich ihn nach einem Interview auf seiner Mittelmeerfarm westlich von Alexandria einmal ,Pharao’ nannte, war er verstimmt. ,Was meinen Sie damit?’ Damals beruhigte ich ihn. ,Pharaonen waren das Rückgrat der ägyptischen Kultur. Selbst Ihr Vorgänger ließ sich wie ein Pharao darstellen.’ Da lächelte er kurz.“

Puh, gerade noch mal gut gegangen!

In Momenten, in denen ein solches „Rückgrat der ägyptischen Kultur“ abdankt (bzw. abgedankt wird), wünsche ich mir erhellendere Berichterstattung.

Nachtrag am 13. 2. 2011: In seinem pushthebutton-Blog dröselt Kollege Hardy Prothmann eine weitere Merkwürdigkeit in der SPIEGEL-Berichterstattung über Ägypten auf: “Im Würgegriff der Exklusivität”. Es geht um den unter ungeklärten Umständen zustande gekommen SPIEGEL-Artikel “Im Folterknast des Muchabarat”.

Written by Peter Jebsen

12. Februar 2011 um 19:54

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