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Verbale Blähungen bei heise resale

with 5 comments

Damian Sicking veröffentlichte am gestrigen Dienstag bei heise resale einen unterhaltsam polemischen Artikel mit der Headline „Twittern ist wie pupsen“ (hätte mir noch besser gefallen, wenn Damian das „P“-Wort korrekterweise groß geschrieben hätte) und mit dem Untertitel „’Geschnatter’ statt ‚Gezwitscher’“.

Gegen „Geschnatter“ (und vor allem gegen Sozialgeschnatter) habe ich selbstverständlich überhaupt nichts – dennoch sind hier ein paar Anmerkungen zum Pups-Artikel.

Damian erklärt: „Ich habe nur etwas gegen das Gewese, das vor allem in den Medien um Twitter gemacht wird, und dagegen, dass manche Menschen den Eindruck erwecken wollen, Twitter sei irgendwie relevant.“

Das Urteil darüber, ob Twitter „relevant“ ist, sollte man vielleicht doch den individuellen Nutzern überlassen – und nicht Damian Sicking. Relevanz liegt oft im Auge des Betrachters. So kann ich mir zum Beispiel vorstellen, dass Damian die Relevanz von heise resale höher einstuft als manch anderer Betrachter.

Damian: „Um es gleich hier zu sagen: Für mich ist Twittern so etwas wie pupsen [sic]: Es erleichtert denjenigen, der es tut (nämlich von dem Druck, irgendetwas loswerden zu müssen), stellt aber für den Rest der Menschheit keinen Mehrwert dar.“

In meinen Favoritenlisten bei Twitter und identi.ca gibt es diverse Beiträge, die mir mit 140 Zeichen und weniger einen größeren Mehrwert bieten als Damians Flatulenz-Elaborat, etwa weil sie in ihrer Prägnanz noch unterhaltsamer sind.

Sicking: „Ich habe mich anschließend mit dem Thema ausführlicher beschäftigt und auch selbst einen Twitter-Account angelegt. Allerdings ist mir der sittliche Nährwert bis heute verschlossen geblieben.“

Das kann ich sehr gut verstehen. @dsicking hat bisher nur einen Tweet verschickt (plumpe Eigen-PR) und fesselte damit bis jetzt nur zwei Abonnenten.

[Update: Jetzt hat er drei. Ich bin ab sofort auch dabei; in der Hoffnung, dass seine Tweets im Vergleich zum ersten an Substanz gewinnen.]

Auf Damians Anspruch, dass der Nähr-/Mehrwert auch noch „sittlich“ sein sollte, will ich hier nicht näher eingehen. ;-)

„Die Zahl der Twitter-Nutzer in Deutschland ist sehr überschaubar. Anfang März dieses Jahres hatten wir hierzulande keine 30.000 aktiven Nutzer.“

Worauf basiert diese Einschätzung? Selbst wenn sie stimmen sollte: Quantität sagt nicht notwendigerweise etwas über Qualität aus, oder?

„(Nur mal eine Vergleichszahl: Im vergangenen Jahr wurden in Deutschland rund 29 Milliarden SMS verschickt.)“

Und die sind alle mit Sicherheit unglaublich relevant. Wenn ich mir die SMS-Textbausteine anschaue, die z. B. mit einigen meiner bisherigen Nokia-Handys mitgeliefert wurden, habe ich in Bezug auf deren inhaltliche Relevanz so meine Zweifel.

„Bei einer wichtigen Bevölkerungsgruppe, von der sonst viele Web-2.0-Themen ausgehen und getrieben werden, ist Twitter bisher noch überhaupt nicht angekommen: den Jugendlichen. Nicht nur zuckten meine beiden Kinder (19 und 20 Jahre alt, eifrige SMS-Versender und Facebook- sowie Lokalisten-User), ahnungslos und uniteressiert [sic] mit den Schultern, als ich sie auf Twitter ansprach. Auch eine aktuelle Studie belegt: ,Twitter ist bei Jugendlichen unbeliebt’. Hm, kostet nichts und wird trotzdem von den Jugendlichen ignoriert? Sagt auch eine Menge über den Nutzen von Twitter aus, wenn Sie mich fragen.“

Einerseits freut es mich, wenn ein Vater aufs Urteil seiner Kinder baut. Andererseits: Seit wann sind Kinder eine verbindliche Instanz in Bezug auf die Beurteilung des Nutzwertes von Medien???

Ich bin mir relativ sicher, dass ein relevanter Anteil von Kindern und Jugendlichen mehr Geld für Dinge wie das Jamba-Sparabo ausgibt (also für Perlen wie Maulis „Ich liebe dich, obwohl du Scheiße bist!“) als etwa für Abos von Heise-Publikationen. Ist damit, Damian, bewiesen, dass debile Klingeltöne größeren Nutzwert haben als komplexere Inhalte?

„Der Journalist Dirk von Gehlen schreibt in der Süddeutschen Zeitung: ‚Twitter ist in erster Linie ein hervorragendes technisches Werkzeug, um Small Talk im Internet zu führen. Ja, Twitter ist der Ort für Befindlichkeiten und Plaudereien.’ Ergänzung von mir: Nicht weniger, aber vor allem nicht mehr. Daher übersetze ich ,Twitter‘ auch nicht wie andere mit ,Gezwitscher’, sondern mit ,Geschnatter’.“

Lieber Damian, mir ist es relativ wurscht, ob du Twitter magst oder nicht. Ich will dich nicht davon überzeugen, dass auch du aktiver twittern solltest. Aber fälle bitte keine Pauschalurteile über alle Nutzer dieses Microblogging-Dienstes.

Ich habe weitaus mehr Twitter-Feeds abonniert als den einzigen von dir „verfolgten“ (FrankGarrelts). Sobald jemand in meiner Abo-Liste nur noch schnattert, zwitschert oder sonst welche Banalitäten twittert, entferne ich ihn/sie aus der Liste, weil ich für solchen Quatsch keine Zeit habe.

Falls du nicht weißt, wie man einmal abonnierte Twitter-Feeds abbestellt, erkläre ich dir das gern.

Will sagen: Wenn man per Twitter Dinge empfängt, die man für unnütz hält, ist man selber Schuld.

Ich verdamme das gute alte Dampfradio auch nicht dafür, dass es Sender gibt, die ausschließlich Schlagermusik absondern. Solche akustischen Umweltverschmutzer höre ich einfach nicht, sondern erfreue mich statt dessen an den paar Sendern (das sind in Hamburg derzeit ein bis zwei), die ich persönlich als dauerhaft anhörenswert empfinde.

Siehe auch „Twitter und Facebook sind nichts für Soziologen und Journalisten“

Written by Peter Jebsen

29. April 2009 um 8:30

5 Antworten

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  1. Hm, interessanter Kommentar. Ist ncht der Kern meiner Aussage, dass Twittern genauso okay ist wie mit Murmeln im Sandkasten spielen? Aber man soll nicht mehr daraus machen? Interessant auch die Entwicklung dieses Kommentars: mit zunehmender Dauer wird der Ton immer aggressiver – das ist genau das, was mir so auf den Nerv geht: dieser missionarische Eifer. Bleiben Sie doch mal locker. Oder geht es um etwas Wichtiges?

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    Damian Sicking

    29. April 2009 at 9:16

  2. @Damian: Na, da sind wir uns ja einig. Der missionarische Eifer mancher Twitter-Promoter stört mich auch gewaltig. Ob es bei Twitter um etwas Wichtiges geht, muss jeder selbst entscheiden. Für mich ist Twitter auf jeden Fall eine Bereicherung, als Kommunikationsmittel und Rechercheinstrument.

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    pjebsen

    29. April 2009 at 10:47

  3. Danke für diesen Artikel, pjebsen,

    missionarischer Eifer auf der einen Seite, verbale Blähungen auf der anderen – beide Umschreibungen zeugen von guter journalistischer Ausbildung im Umgang mit verbalen Eyecatchern ;-). Damian Sicking sagt in der ihm eigenen deutlichen Sprache, was ich auch von anderen, den neuen Medien gegenüber nicht so aufgeschlossenen Menschen höre. Da ich für diese Zielgruppen häufig Vorträge halte, kenne ich diese Herangehensweise an das Unbekannte sehr gut.

    Nun kann man sich als Insider die Frage stellen, ob es Sinn macht, zu missionieren oder ob man den Dingen seinen Lauf läßt. Ich meine, wir sollten die Diskussion führen und zitiere Michael Negroponte aus einem Interview mit der Süddeutschen von 2007:

    Der Wert von Information ist nicht mit Grundbedürfnissen wie dem Atmen und Trinken zu vergleichen. Information heißt, zu lernen, wie man sauberes Trinkwasser aufbereitet und die Luft zum Atmen nicht sinnlos vergeudet. Man kann die Qualität von Wasser aber nicht mit der von Information vergleichen. siehe: http://bit.ly/taz3m

    Ich freue mich auf Ihre, Damian Sicking´s, Gehversuche im Twitter und werde Sie dabei gern begleiten. Gruß nach HH und an die Isar.

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    Frank Garrelts

    29. April 2009 at 11:25

  4. Wo darf ich unterschreiben (ausser bei den „ein bis zwei“ Hamburger Radiosender. Es sei denn, du zählst Byte.FM dazu)?

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    Boogie

    1. Mai 2009 at 18:05

  5. @Boogie: Ich bezog mich auf terrestrische Sender. In Hamburg höre ich nur NDR Info und sonntags ab und zu mal das Hamburger Lokalradio.

    Gefällt mir

    pjebsen

    1. Mai 2009 at 20:51


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