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Meine 15 Lieblingsalben (3/3 – 1987-2004)

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Fortsetzung des Beitrags „Meine 15 Lieblingsalben (2/3 – 1978-1982)“:

1987 Public Enemy, Yo! Bum Rush the Show (Video)

Public Enemy: Yo! Bum Rush the Show

Public Enemy: Yo! Bum Rush the Show

Als Public Enemy auftauchten, gab es keine geschmäcklerische Diskussion. Jeder, der vernünftig hinhören wollte und konnte, erkannte, dass sie genau die richtige Band zum richtigen Zeitpunkt waren. Es war ein Befreiungsschlag gegen all die Pop-Rapper, die ihre Angeberreime über geloopte Soul-Klassiker legten. Endlich war da jemand, der das wahre Potenzial des Sampelns erkannte und nutzte: nicht als Ersatz von echten Instrumenten, sondern als Lieferant von enervierenden Sound-Collagen, von nicht live spielbaren Hammer-Beats und, ganz profan, von Lärm.

Was die Energie und die unterschwellige Aggression anbetraf, waren Public Enemy Rock. Es war nur folgerichtig, dass sie später zum Beispiel zusammen mit Henry Rollins auftraten. Ihren jüngsten Auftritt, den ich vor ein paar Monaten in der Großen Freiheit erlebte, absolvierten sie mit einem Power-Trio (Gitarre, Bass und Schlagzeug). Auch Rock-Fans ohne Scheuklappen hätten ihren Spaß gehabt.

1988 Thomas Dolby, Aliens Ate My Buick (Video)

Thomas Dolby: Aliens Ate My Buick

Thomas Dolby: Aliens Ate My Buick

„She Blinded Me With Science“, Dolbys Beitrag zum Electro-Funk der frühen ’80er, fand ich nett. Aber erst in “Aliens Ate My Buick” brachte er alles auf den Punkt. Es ist ein intelligentes, witziges und unglaublich fein produziertes Album, das bis heute Bestand hat. Mein Lieblingsspruch von Thomas Dolby, den ich mal auf einem Tennisplatz in Los Angeles interviewte (er war/ist? dort mit Ex-„Denver Clan“-Darstellerin Kathleen Beller verheiratet): „Ich bin klassisch ausgebildeter Pianist und weiß sehr viel mehr über Musik als George Clinton. Aber das ist nur Theorie. Bei George weiß ich: Wenn er im Studio mit seinem fetten Arsch wackelt, war ich gut!“

1989 Quincy Jones, Back on the Block (Video)

Quincy Jones: Back on the Block

Quincy Jones: Back on the Block

Der sorgfältigst produzierte, manchmal klinisch saubere Pop-Soul von Quincy Jones ist eigentlich das genaue Gegenteil von meiner Lieblingsrichtung P.Funk. Aber ich mag beides – in seinem Bereich ist Quincy Jones mein absoluter Favorit. Wobei ich mir manchmal wünschte, Jones und Clinton würden zusammenarbeiten: Das könnte Jones’ Pop dreckiger machen, und Clintons Jams weniger schlampig.

„Back on the Block“ war in der Umsetzung genauso gut, wie es sich auf dem Papier las: ein Gemeinschaftswerk über die Genres hinweg, mit Jazzern wie Dizzy Gillespie und Joe Zawinul über SängerInnen wie Sarah Vaughan und Al Jarreau bis hin zu Rappern wie Ice-T und Melle Mel.

Damals machte ich mein erstes Interview mit Quincy Jones. Ich war gerade auf Tournee mit George Clinton & Parliament/Funkadelic; und wie der Zufall so spielte, wurde mir das Interview genau an dem einen Tag angeboten, an dem der P.Funk-Zirkus in Hamburg pausierte. Ich nutzte das für einen Abstecher nach Frankfurt, mit zahlreichen Respektbezeugungen der P.Funk-Musiker für Quincy Jones im Handgepäck.

Der kam in Person als der Sympathieträger herüber, als den ihn jeder der zahlreichen Studiomusiker in Los Angeles beschrieb, die ich im Lauf der Jahre interviewt hatte – warmherzig, eloquent, gedanklich und musikalisch offen.

1994 Paris, Guerrilla Funk (Video)

Paris: Guerrilla Funk

Paris: Guerrilla Funk

Für mich das vielleicht beste Rap- und eins der besten Funk-Alben der 90er Jahre. Es flatterte mir als Rezensionsexemplar auf den Tisch – ich wusste nichts über Rapper Paris, aber bei ihm war es Liebe auf den ersten Höreindruck. Genau so hätten Clintons damalige Exkursionen gen Rap musikalisch unterlegt werden sollen, und nicht mit irgendwelchen billigen Schepper-Tracks, die ein Nachwuchstalent im Heimstudio programmiert hat. Die Emotion, die in den Texten dominiert, ist dieselbe wie bei Public Enemy: Wut.

2004 Original Soundtrack, Main Hoon Na (Video)

Main Hoon Na

Main Hoon Na

Durch diesen Film, für dessen Vorführung beim Hamburger Filmfest 2004 ich mir extra einen Tag Urlaub nahm, entdeckte ich Bollywood und das indische Kino im Allgemeinen für mich. „Main Hoon Na“ (deutscher Titel: „Ich bin immer für dich da“, Hauptdarsteller: Shahrukh Khan) war 2004 das Regie-Debüt der indischen Top-Choreografin Farah Khan, die für die Tanzszenen einer Vielzahl der erfolgreichsten Bollywood-Streifen verantwortlich ist.

Ihr eigener Film, für den sie auch das Drehbuch geschrieben hat, ist eine irre und zugleich witzige, spannende und anrührende Mischung aus Schulhofklamotten wie „Grease“ und „Feuerzangenbowle“, Terroristen-Thriller, „Matrix“, Liebeskomödie und Familiendrama. Und alle 20, 30 Minuten wird gesungen und getanzt.

Klingt etwas zu abgefahren? Ist es überhaupt nicht! Ich habe schon viele FreundInnen, die glaubten, nicht auf Bollywood zu stehen, ins Kino geschleppt oder zum DVD-Anschauen genötigt. Jede(r) von ihnen war hinterher begeistert. Und für mich ist „Main Hoon Na“ nach weit über 100 indischen Filmen immer noch mein Bollywood-Favorit, sowie einer meiner persönlichen Lieblingsfilme aller Zeiten.

Der Soundtrack kann auch ohne den Film bestehen – es ist tanzbare, vielschichtige, stimmungsvolle, perkussive Pop-Musik. Kurz nach dem damaligen Filmfest weilte ich dienstlich in Hong Kong und machte einen Abstecher nach Kowloon. Im Erdgeschoss der Chung King Mansions, einer Ansammlung verranzter Billigabsteigen, entdeckte ich die Soundtrack-CD in einem der zahlreichen indischen DVD-Läden. Ich hörte sie im Hotelzimmer rauf und runter – und habe sie heute immer noch nicht satt.

Seitdem sammle ich nicht nur indische Filme (und besuche regelmäßig indische Filmfestivals in Stuttgart und Florenz), sondern auch Bollywood-Soundtracks. Die sind nämlich teilweise richtig funky. Interessierten Einsteigern empfehle ich den wunderbaren Soundtrack von „Slumdog Millionaire“, der wie viele meiner Lieblings-Filmmusiken von Großmeister A.R. Rahman stammt.

10 Antworten

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  2. Eine Lehrstunde in schwarzer Musik, vielen Dank dafür!

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    Herr Paulsen

    5. März 2009 at 8:47

  3. Absolute Spitzenklasse, ganz tolle Arbeit. Werde auch mal wieder in meinen alten LP’s herumstöbern.
    Neville Brothers, starke Musik. Gerade habe ich „Yellow Moon“ ausgegraben.
    Udo’s alte WSerke stehen natürlich auch im Schrank.
    Vielen Dank für Deine Geschichten.

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    ottogang

    5. März 2009 at 12:12

  4. […] I mentioned in my (German) blog post about the 15 albums which had the greatest impact on me, I once experienced ‘the best of both worlds’ on one single day: In 1989, I was on tour with […]

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  5. […] a more detailed praise of Public Enemy, check out “Meine 15 Lieblingsalben (3/3 – 1987-2004)” (in case you read […]

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