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Creole-Regionalentscheid: Fjarill, Frank Farian und Fremdschämen

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HamburgKonzerte & FestivalsWorld Music

Weltmusik ist nicht unbedingt meine Kernkompetenz, ich habe lediglich ein paar Grundkenntnisse in Sachen indischer und afrikanischer Pop-Musik. Um hier meinen Horizont zu erweitern, finde ich Musikwettbewerbe wie Creole – Weltmusik aus Deutschland (oder, auf dem Rock-Sektor, Emergenza) sehr angenehm, denn man kann sich an einem Abend gleich von mehreren Formationen einen guten Eindruck verschaffen.

Am Freitag und Samstag im Hamburger Goldbekhaus waren es sechs Gruppen pro Abend, die jeweils 20 Minuten lang spielten. Das Niveau war beeindruckend: Selbst Bands, mit denen ich weniger anfangen konnte, waren zumindest „interessant“. Aber es gab auch einige echte Entdeckungen.

Erstes Highlight war am Freitag das World Drum Trio, das Klänge und musikalische Stile aus Indien (Tablas), Afrika (Djembé) und Südamerika (Conga) vereint.

Pure Magie bot am selben Abend das Duo Fjarill: die schwedische Pianistin Aino Löwenmark und die südafrikanische Geigerin Hanmari Spiegel. Klavier und Violine sind eine Kombination, um die ich außerhalb eines Wettbewerbs spontan eher einen Bogen gemacht hätte. Aber die 20 „Creole“-Minuten überzeugten uns so sehr, dass wir uns direkt nach dem Auftritt die beiden CDs von Fjarill kauften („Stark“ und „Pilgrim“).
Fjarill: StarkFjarill: Pilgrim

Live als Duo und auf CD mit Band bringen Aino und Hanmari zauberhafte, leichte, charmante Pop-Musik mit Folk- und Jazz-Elementen. Allein wegen Fjarill hat sich der Besuch im Goldbekhaus gelohnt.

Einen glänzenden Abschluss lieferte das Aneta Barcik Oriental Project mit einem algerisch-tunesischen Raï-Party-Medley. Dazu gehörte auch die Original-Version von „Ma Baker“. Dieser Boney-M.-Hit stammt nämlich, so lernten wir von Aneta Barcik, einer arabisch singenden Polin, nicht von Frank Farian, sondern ist eine Cover-Version des tunesischen „Sidi Mansour“ (auch bekannt als „Sidi Manzun“, hier ein paar Hörproben).

Der Samstagabend war ausverkauft, daher sahen wir die Auftritte nebenan per Videoübertragung in der „Bühne zum Hof“. Das war eigentlich kein großer Nachteil, denn wir sahen mehr als am Vorabend im Gedränge des großen Saals, und wir hatten Sitzplätze.

Die wahrscheinlich merkwürdigste Band des Wochenendes war Goja Mars mit der überdrehten Sängerin Juli Ndoci, die verstärkt vom Streichquartett Plus 1 „albanische Balkan-Beats und Pops“ bot. Mit einer (ironisch gemeinten?) Textzeile über türkische Einflüsse in Albanien bescherte sie mir einen kurzen Moment des Fremdschämens: „Turkish man / come and catch me if you can“ (oder so ähnlich). Zumindest das Publikum in der Bühne zum Hof war zunächst perplex, dann erheitert.

Eine starke Figur machte dann wieder das Ensemble Flamenco & Co., dessen Sängerin kurzfristig erkrankt war. Die vier Instrumentalisten spielten so virtuos und stimmungsvoll, dass man sich kaum vorstellen konnte, wie ihr Auftritt mit Gesang noch besser hätte sein können.

Sehr originell war wieder die letzte Band des Abends: Das United Color Ensemble verknüpfte Texte der russischen Sängerin und Geigerin Jana Mishenina mit „Euro-Salsa“, geschrieben vom georgischen Pianisten David Malazonia, der unter anderem auch Grooves aus Kuba und Kamerun einbaute.

Die Jury musste am Ende zwei Preisträger auswählen, die vom 24. bis 27. September 2009 bei der nationalen Endausscheidung in Berlin antreten. Die erste Entscheidung war klar – eine Creole musste natürlich an Fjarill gehen. Der zweite Preisträger fand beim Publikum ein gemischtes Echo: Auch Goja Mars darf Hamburg und Schleswig-Holstein in Berlin vertreten.

[Dieser Beitrag entstand unter dem Einfluss der beiden Fjarill-Alben „Stark“ und „Pilgrim“.]

Mein Beitrag zu Creole Hamburg & Schleswig-Holstein – Wettbewerbskonzerte – Ich bin PJebsen – auf Qype

6 Antworten

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  1. Das mit dem Fremdschämen versteh ich nicht ganz, obwohl das Phänomen mir wohlbekannt ist (vgl. Beitrag „Der Fremdschämer“, 22. 2. 09 auf http:/6kraska6.wordpress.com)

    – das stolze und in ethnischen Dingen ziemlich halsstarrige Volk der Shqipetaren (Albaner) war 600 Jahre lang von den Türken / Osmanen besetzt und kolonialisiert worden. Soll man die illyrischen Albaner tadeln, daß sie die osmanische Besetzung und die Islamisierung nicht unbedingt als „kulturelle Bereicherung“ empfunden haben? (Solange man spöttische Lieder singt, anstatt zu schießen, muß für Scham nicht unbedingt Anlaß bestehen…)

    Ich lerne daraus für mich: Selbst beim Fremdschämen sollte man, maßhaltend, nicht allzu vorschnell sein.

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    6kraska6

    6. März 2009 at 12:29

    • @6Kraska6: Wenn sich jemand auf der Bühne zu sehr zum Vollpfosten macht, habe ich mein Fremdschämen leider nicht unter Kontrolle. Aber ich arbeite dran.

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      pjebsen

      6. März 2009 at 16:54

  2. Ich arbeite auch dran. Zum Beispiel grübele ich noch immer, ob Fremdschämen ein produktives Gefühl ist oder eher etwas Unökonomisches, das man abbauen und kleinhalten sollte. Aber hat man eine Wahl? –

    Inwieweit Juli Ndoci sich „zum Vollpfosten gemacht“ hat, ging für mich aus Deiner knappen Bemerkung nicht so hervor. Kann natürlich sein. Wenngleich wir in der TopTen-Liste der Vollpfosten wahrscheinlich unterschiedliche Gewichtungen vornehmen würden…

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    6kraska6

    7. März 2009 at 11:05

  3. @6kraska6: Als die debilen Zeilen „Turkish man / come and catch me if you can“ Julis Lippen das erste Mal verließen, hatte ich keine Wahl.

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    pjebsen

    7. März 2009 at 11:28

  4. […] Noch mehr Weltmusik gefällig? Am Freitag und Samstag, 25./26. Februar 2011, läuft im Hamburger Goldbekhaus die Regionalentscheidung des Creole-Wettbewerbs. Fünf Gruppen je Abend treten jeweils 20 Minuten lang auf – eine sehr spannende Veranstaltung mit interessanten Neuentdeckungen. Vor zwei Jahren lernte ich so zum Beispiel die zauberhafte Musik des schwedisch-südafrikanischen Duos Fjarill kennen (Bericht hier). […]

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  5. […] des Creole-Wettbewerbs fand ich größtenteils nicht so überzeugend wie die vor zwei Jahren (Bericht hier). Die zweite Gewinnerformation, das französisch-russische Chanson-Duo Nathalie & Natalie, […]

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