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Presseschau: Neues zur alten Debatte „Print vs. Online“

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Manchmal ist es hilfreich, trotz des mediumbedingten Aktualitätswahns nicht sofort zu bloggen und zu verlinken, sondern eine kontroverse Debatte erst mal kurz sacken zu lassen. So auch bei den „Nachwehen“ des Artikels „Weil der Journalist sich ändern muss“, den Thomas Knüwer am Montag, 1. 12. 2008, im Handelsblatt-Weblog „Indiskretion Ehrensache“ veröffentlichte – mit interessanten Folgen.

Seinen Artikel über die von ihm, Knüwer, empfundene Unfähigkeit vieler Journalistenkollegen, sich mit der veränderten Medienwelt auseinanderzusetzen, empfand ich größtenteils als eine sehr lesenswerte und stimmige Analyse.

Nur zwei kurze Auszüge:

>> Mit der bisherigen Arbeitsweise kommen wir Journalisten nicht weiter. Die Welt hat sich geändert – und wir uns nicht genügend mit. An anderer Stelle habe ich schon einmal geschrieben: Wären wir Besitzer einer Autowerkstatt und käme ein neues Modell auf unseren Hof gerollt zur ersten Inspektion, wir würden antworten: „Nääää, dat iss ja der neue… Dat kann ich nich. Da müsst ich ja lernen, wie der funktioniert. Dat könnse nit von mir erwarten, isch bin schon viazich! <<

Und:

>> [Journalisten] weigern sich mit verwunderlicher Vehemenz, überhaupt nur einen Blick zu werfen in die neuen Wege der Kommunikation. Sie melden sich nicht mal unter falschem Namen bei StudiVZ, Facebook, Myspace oder Twitter an. Natürlich kann man der Meinung sein, all diese Dienste seien nur vorübergehende Mode. Doch selbst dann gehört es doch zu den journalistischen Pflichten, sich anzuschauen, was den Zeitgeist gerade umtreibt. Behauptet nicht jede Journalistenschule, „Neugier“ sei eine Berufstugend? <<

Im folgenden Punkt kann ich Knüwer allerdings nicht zustimmen:

>> Gerade bei jüngeren Kollegen ist die Abwehrhaltung gegenüber einer neuen Arbeitsweise besonders drastisch. Fast scheint es, sie hätten ein nostalgisches Heldenbild des Journalismus vor Augen, als sei ihr Traum, einmal mit einer Meldung in die Druckerei zu stürzen um persönlich mit der Hand die Druckpresse anzuhalten. <<

In meinem Berufsalltag als Journalist erlebe ich eine andere Art von NachwuchskollegInnen, als sie in Knüwers Artikel beschrieben werden. Da sie mit den mittlerweile nicht mehr ganz so „neuen Medien“ aufgewachsen sind, nutzen sie diese privat und beruflich völlig selbstverständlich.

In den Kommentaren zu seinem Artikel erhielt Knüwer jede Menge Zustimmung – und eine böse Replik, die mit dem Namen seines Handelsblatt-Kollegen Sönke Iwersen gezeichnet war. Diese Antwort wurde zwischenzeitlich gelöscht, ist aber im ohnehin besuchenswerten Blog von lanu dokumentiert.

Der Autor schreibt u. a: >> Bei aller kollegialer Zurückhaltung: mir ist kein Journalist bekannt, bei dem Selbstdarstellung und Realität derart auseinanderklaffen wie bei Dir. Vielleicht könntest Du die permanente Selbstbeweihräucherung mal kurz unterbrechen und erklären, warum Deine fantastische Verdrahtung über Xing, Facebook, Twitter und Co. so wenig journalistischen Mehrwert bringt. <<

Die Löschung dieses Kommentars schlug natürlich auch einige Wellen, zum Beispiel im Blog F!XMBR („Vorzeigejournalist Thomas Knüwer vom Handelsblatt“): >> Wie schon im Fall Harald Uhlig (der sich später wieder hat einkaufen lassen) zeigt das Handelsblatt, dass es nicht weit her ist mit der von Thomas Knüwer monatlich, wöchentlich, täglich verbreiteten Web 2.0-Jubelei. Sobald Kritik aufkommt, verhält man sich wie jedes andere Unternehmen auch. Man löscht, man vertuscht um sich später wieder zu entschuldigen und den Kommentar erneut zu veröffentlichen. <<

Entschuldigt hat sich Thomas Knüwer nicht, er hat sich in dieser Stellungnahme nur erklärt: >> Der Kommentar des Kollegen Iversen ist offline gegangen, da die Chance hoch ist, dass er sich damit in arbeitsrechtliche Probleme gebracht hätte. Der Eintrag verstieß eindeutig gegen die Vorgaben seines Arbeitgebers im Umgang mit Blogs und Kommentaren.

Warum Herr Iwersen Animositäten gegen mich hegt, die er in der Redaktion bisher nicht zum Ausdruck brachte, ist mir nicht klar. Dies auszudiskutieren ist aber kein Thema für ein Blog. <<

Den Rest sollten die Kollegen wohl lieber unter sich ausmachen …

Da wir gerade beim Thema sind – es gab in den letzten Tagen noch ein paar weitere interessante Artikel über ähnliche Themen, die ich hier etwas kürzer erwähnen will:

Journalismus-Debatte: Auf zu neuen Höhen
Auf FR-Online.de, der Website der Frankfurter Rundschau, äußert Daland Segler die übliche Profi-Kritik an den bloggenden Amateuren: >> Die so oft beschworene Demokratisierung der Kommunikation, ja der gesamten Welt, sie geht einher mit einem fröhlichen Dilettantismus. <<
Und ist am Ende optimistisch: >> Zwar sagt eine Trendstudie der Mainzer Fachhochschule voraus, dass bis 2018 das Internet die Tageszeitung in der Nutzung überholt und diese rund 30 Prozent ihrer Leser an das Web verloren haben werde. Der erfolgreichste Medienmogul der Epoche, der Australier Rupert Murdoch, aber ist da ganz anderer Ansicht. Er nannte jüngst alle, die das Ende der gedruckten Medien prophezeiten, „irregeleitete Zyniker“. Die Zeitungen würden sich in diesem Jahrhundert zu „neuen Höhen“ aufschwingen, indem sie ihr Angebot um Webseiten und auf Leser zugeschnittene Service-Angebote erweiterten: „Unser wirkliches Geschäft ist nicht das Bedrucken toter Bäume, sondern großartiger Journalismus und großartige Urteilskraft.“ <<

Er erntete sofort eine Replik von Christian Stöcker, der auf SPIEGEL ONLINE selbst kürzlich eine u. a. Twitter-kritische Betrachtung geschrieben hatte („Netzgeschwätz übertönt Augenzeugenberichte“ – klingt so, als ob er Twitter mit einem journalistischen Medium verwechselt, anstatt es lediglich als Verbreitungsweg zu sehen):

„Journalismus-Debatte: Auf in neue Tiefen“
>> Es ist in der Tat traurig, was in der deutschen Medienlandschaft derzeit passiert: Redakteure werden entlassen, Magazine eingestellt, Redaktionen zusammengelegt. Und es ist in der Tat ein Problem, dass für Werbung im Web verglichen mit Werbung auf bedrucktem Papier vielfach immer noch viel zu wenig bezahlt wird. Das muss sich ändern. Ob aber ausgerechnet Kollegenschelte und Publikumsbeschimpfung den Weg aus der Krise weisen? <<

„Verdienen im Internet: Gehen Sie weg, und kommen Sie bald wieder“
Für Harald Staun von FAZ.NET liegt die Wahrheit in der Mitte: >> Die Erkenntnis, dass die Zukunft des Journalismus im Internet liegt, ist nicht besonders originell, und trotzdem finden sich noch immer Kollegen, die all jene für Ketzer halten, die sich auf diese Zukunft einstellen – als handle es sich um eine Frage des persönlichen Geschmacks. Während die Apologeten des digitalen Publizierens kaum den Mund aufmachen können, ohne dass die Utopie einer neuen medialen Weltordnung herauskommt, hoffen die Papierfetischisten noch immer, sie müssten nur laut genug mit den Seiten rascheln, um Käufer und Anzeigenkunden anzulocken. <<
Fazit: >> Die beste Chance, eine Antwort auf die Frage zu finden, wie sich guter Journalismus im Internet (oder meinetwegen: in Zukunft) finanzieren lässt, hat man, wenn man sich die Frage überhaupt stellt. Sie ist nicht identisch mit der Frage, die viele Online-Medien gerne damit verwechseln: Wie schaffe ich es, möglichst billig zu sein? <<

*******

Nachtrag:

Eben sehe ich, dass auch Stefan Niggemeier zum Thema „Knüwer vs. Iwersen“ gebloggt hat („Thomas Knüwers Ende der Debatte“):

>> Ich finde es eine berechtigte Frage, der sich Leute wie Knüwer (und ich) ernsthaft stellen müssen: Wer denn die Artikel recherchiert, während wir Kommentare moderieren und Twitter-Beiträge lesen und lustige Experimente mit Kamera-Übertragungen machen. <<

Und: >> Der unwichtigste, aber vielleicht erstaunlichste Aspekt der kleinen Kollegen-Konfrontation 2.0 beim „Handelsblatt” ist allerdings, dass Thomas Knüwer offenbar unterschätzt hat, wie viel Aufmerksamkeit er der Sache gibt, wenn er einen solchen Kommentar löscht. Dass er keinen Weg fand, ihn einfach stehen zu lassen und darauf zu antworten (oder auch nicht). Dass er da ungefähr soviel Internet-Kompetenz bewies wie Theo Zwanziger. <<

Written by Peter Jebsen

3. Dezember 2008 um 22:17

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