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Funky Farmer George Clinton

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George Clinton w/Drugs and 420 Funk Mob

George Clinton ist mein absoluter Lieblingsmusiker, und die zahlreichen Formationen seines Parliament/Funkadelic-Kollektivs sind meine absoluten Lieblings-Bands.

Der Mann ist ein Phänomen: Er ist seit über 50 Jahren im Musikgeschäft und hat seitdem den unterschiedlichsten Musikrichtungen seinen individuellen Stempel aufgedrückt; von Doo Wop bis Hip-Hop, von Funk bis Rock.

In den USA kennt ihn so gut wieder jeder ältere Afroamerikaner als einen der Väter der Funk-Musik, zusammen mit James Brown und Sly Stone. Ganz so bekannt wie die beiden ist er nie geworden, da er fürs weiße Publikum, das die Pop-Charts bestimmt, zu „schwarz“, zu funky und zu kompromisslos war. Und vor allem zu chaotisch.

War? Ist. George Clinton ist mittlerweile 67 Jahre alt und tourt mit der Parliafunkadelicment-Gang immer noch munter durch die Lande. Noch immer sind bis zu 20 Musiker auf der Bühne, die nonstop drei, manchmal sogar vier Stunden lang spielen.

[Am 14.06.2014 eingeschobenes Update: In diesem Jahr sind George Clinton und Parliament/Funkadelic endlich mal wieder in Deutschland, und zwar am Montag, 28. Juli 2014, im Berliner Astra Kulturhaus und am Freitag, 30. Juli 2014, im Nürnberger Der Hirsch. Weitere europäische Tourdaten auf GeorgeClinton.com.]

Hier ist mein Lieblings-Artikel aus meiner Zeit als Musikjournalist – er ist vor allem deswegen mein Favorit, weil die Erlebnisse, die mit dieser Homestory verbunden sind, so großen Spaß gemacht haben. Ist leider sehr lang, aber ihr braucht’s ja nicht zu lesen. ;-)

Funky Farmer

Morgens um fünf auf der Farm:

Spotz – spotz – zäng – bumm – krach. Seltsame Klänge tönen vom Flur her. Nach ein paar Minuten steht George Clinton im Wohnzimmer. „Damn! Nicht mal 4.000 Punkte! Okay, wenn ich nur noch so wenig bringe, weiß ich, dass mit mir nichts mehr los ist. Good Night!“ Noch ein letzter enttäuschter Blick auf das Galaxian-Videospiel, und Clinton entschwindet in die Schlafgemächer.

Ein paar Stunden früher auf dem Detroiter Flughafen. Als mich George Clinton in der Ankunftshalle abholt, drehen sich nicht wenige Leute staunend nach ihm um. Irgendwie passt er nicht dorthin, in die anonyme Menge emsig herumwuselnder Aktentaschenträger und kofferschleppender Touristen. Clinton trägt heute knallrot, um den Hals baumeln ganze Heerscharen kleiner Plastikskelette, und unter seinem schwarzen Käppi schauen grellbunte Dreadlocks hervor.

Was das Flughafen-Volk von ihm denkt, kratzt Clinton nicht. Denn er spielt keine Rolle – er ist so, wie er aussieht. What you see is what you get.

Was Dr. Jekyll und Mr. Hyde für die Medizin bedeuten, das sind Dr. Funkenstein und Mr. Clinton in der Funk-Musik. Etwa 80 Kilometer hinter Detroit findet eine seltsame Metamorphose statt: Aus dem „workaholic“, dem Arbeitstier, das in drei Detroiter Plattenstudios gleichzeitig rackert, wird ein Spielkind.



Clinton beginnt es in den Fingern zu jucken, wenn er an all die Abenteuer denkt, die ihn zuhause auf der Farm erwarten: Der Galaxian-Automat lädt zu spannenden Gefechten mit Invasoren aus dem Weltall ein, mit einer Flotte von Spielzeugautos können Rennen auf dem Wohnzimmerteppich ausgetragen werden, und wenn ihm nachts um eins mal die Decke auf den Kopf fallen sollte, tobt er sich bei einem Geländeritt auf dem (motorgetriebenen) Dreirad aus.

„Ich habe halt ein Comic-Hirn, und ich bin gern mal Kind,“ sagt Clinton, der an seine Musik mit der gleichen witzigen Verspieltheit herangeht. Seine LPs sind wie Wundertüten: Man weiß nicht, was drin ist; aber man weiß, dass man nur selten enttäuscht und umso häufiger angenehm überrascht wird.

Immer „right on the beat“ dreht Clinton, der Frank Zappa der schwarzen Musik, die amerikanische Trash-Kultur durch den Ideen-Wolf seiner Cartoon-Welt. Er steigt auf den Groove der heißgeliebten Videospiele ein („Computer Games“), hechelt sich lüstern durch knallige Wortspiele („Atomic Dog“), spielt als Agent Doppel-Null/Null den Retter des Abendlandes („Double Oh-Oh“) und beweist, dass Junk-Food auch sexy sein kann („Do Fries Go With That Shake“).

„Inspired madman or complete jackass“ – ist Clinton nun ein inspirierter Verrückter oder ein Volltrottel?, fragte einst eine englische Musikzeitschrift. Will er selbst überhaupt ernstgenommen werden? Ein Zug an seiner Spezialzigarette, und er antwortet: „Das ist mir egal. Wenn man zu ernsthaft an eine Sache herangeht, wird man berechenbar und ist bald uninteressant. Ich bin lieber ständig eine kreative Plage!“

Musikalisch und persönlich hält er es mit der klassischen Zeile aus Dr. Johns Party-Song „Such A Night“: „If I don’t do it, somebody else will!“; und auch die werte Mae West hat es für Clinton auf den Punkt gebracht: „Von zwei Übeln probiere ich immer das aus, was ich noch nicht kenne.“ Schließlich, und das ist Clintons eigenes Motto, ist das ganze Leben ein einziges rauschendes Fest – „Ain’t nothing but a party!“

Clinton nervt – und er verkauft. Sein aktuelles Album R&B SKELETONS IN THE CLOSET ist kommerziell und legt zugleich den Finger auf einige offene Wunden der schwarzen Musikszene. Im Titelsong, der auf deutsch so viel wie „Rhythm- & Blues-Leichen im Keller“ bedeutet, wendet sich Clinton gegen manche schwarzen Crossover-Künstler, die sich mit weichgespülten Klängen so weit in die Pop-Musik hinüberbegeben, dass sie nicht mehr zu ihren Wurzeln zurückkehren können („They’re crossing over and can’t get black“).

Die wahre Nervensäge auf der LP ist jedoch die zappaeske „Mix-Master Suite“. Hier sorgt Clinton für eine aberwitzige Rap- und Scratch-Sinfonie mit Streichereinlage und Marschgebläse, die nach seinem Willen mit dem einfallslosen „Say Ho!“- und „Homeboy“-Gebrülle der New Yorker Hip-Hop-Szene Schluss machen soll.

Mit anzüglichen Anspielungen auf Hamburger-Werbung, ausgeklinktem Rückwärts-Bass, schrägen Trompetenstößen und einem mächtigen Computer-Beat ist Clintons jüngste Single „Do Fries…“ in den USA zum Hit geworden. Resultat: Clinton ist als Produzent gefragter denn je. Als er sich im Frühjahr eine Zeit lang zum Arbeiten in Los Angeles aufhielt, bot man ihm von allen Seiten Studio-Jobs an .

Doch die Plattenfirmen und die Acts, die ein Stück vom ’86er-P.Funk-Kuchen abhaben wollten („P“ wie in „pur“), hatten nicht mit der anderen Seite von Dr. Funkenstein gerechnet. Der konnte es nämlich nicht abwarten, sich wieder in den Farmer Mr. Clinton zurückzuverwandeln. Er setzte sich ins Flugzeug und flog zurück nach Detroit. Das Landleben rief: „Ich hätte eine Million Dollar verdienen können, wenn ich in Los Angeles geblieben wäre. Aber ich hatte von der Stadt einfach die Nase voll!“



Die Farm – das sind zuerst einmal ausgedehnte Ländereien, von denen Clinton mehrere Maisfelder an einen Bauern verpachtet, zwei Fischteiche, die ab und an fürs Abendessen sorgen, und ein großer Privatwald, durch den sich ein perfekter Gelände-Parcours für nächtliche Motorrad-Sausen schlängelt. Und dann natürlich das geräumige Wohnhaus, in dem Clinton seit knapp sieben Jahren lebt – zusammen mit seiner Frau Stephanie, mit der er seit zehn Jahren verheiratet ist, Kater Tommy und einer Unmenge von Stofftieren.

Niemand kann diese ländliche Idylle stören; abgesehen von Freunden wie Clintons altem P-Funk-Kameraden Bootsy Collins, der eines Abends hereinschneit und bis sechs Uhr morgens Demo-Bänder vorspielt. Außer einem Vierspur-Recorder gibt es auf der Farm kein Band-Equipment – und kein Telefon!

„Auf diese Weise kann ich Songs in einem Tempo schreiben, das Sinn ergibt,“ sagt Clinton und erklärt seine Arbeitsphilosophie: „Wenn ich in Detroit wäre, würde ich sehen, warum ich für einen neuen Hit ‚ranklotzen müßte. Mir fallen da auf der Straße ein schickes Auto oder ein hübsches Mädchen auf; oder jemand, der so aussieht, als ob er viel Geld hat. Das alles beißt wie ein Werbespot nach dir; und dir wird klar, wofür du noch einen Hit brauchst. Den erreichst du aber in einer solchen Umgebung nicht, weil du dir zuviel Sorgen darüber machst!“

Erstanden hat Clinton seine private Oase Ende der 70er Jahre, als er mit seinen beiden Bands Parliament und Funkadelic zu den Mega-Stars der schwarzen Musik zählte. Zehn Millionen LPs soll das Parliafunkadelicment Thang in fünf Jahren verkauft haben, Umsatz für Clinton & Co.: rund 40 Millionen Dollar.

Dr. Funkenstein erwies sich dabei als ein gerissener Taktierer, der den gleichen Musikerstamm unter unterschiedlichen Band-Namen an verschiedene Labels verkaufte. Gegen ihn ist sogar der einstige Sex-Pistols-Zampano Malcolm McLaren ein Waisenknabe – Clinton verkaufte mehr Acts an mehr Plattenfirmen als irgendein anderer.

Bis dann ums Jahr ’80 herum das P-Funk-Mothership abstürzte. Jeder verklagte jeden – die beteiligten Firmen, Rechtsanwälte, Musiker und nicht zuletzt Clinton selbst verfingen sich in einem Gestrüpp von Prozessen, aus dem sich der Meister 1982 leicht angeschlagen, aber ungebrochen zurückmeldete. Und zwar mit einem Act, dessen Name der einzige war, um den es noch keine Streitereien gegeben hatte: George Clinton! Der Boß trat von da an erst mal solo auf, natürlich mit vielen früheren P-Funk-Komplizen im Hintergrund.

Die Farm über diese Wirren hinwegzuretten, war für ihn in jenen dunklen Tagen so eine Art Lebenselixier: „Oh my god – war das ein Kampf!“, erinnert er sich, während er morgens um 13 Uhr am Küchenfenster im Stehen seine Special-K-Gesundheits-Cornflakes in sich hineinlöffelt. „Ich glaube, deshalb liebe ich die Farm auch so. Ich meine, ich bin von Grund auf ‚funky‘ und wäre in einem Hotel ebenso gut draufgewesen. Aber ich hätte auf diese Weise um nichts zu kämpfen gehabt! Ich war gezwungen, Geld zu verdienen und weiter Musik zu machen. Deswegen haben mich auch die Plattenfirmen wieder für voll genommen – weil ich sie glauben machte, der Verlust des Hauses wäre das Ende der Welt für mich!“

Sein Fazit: „Die beste Methode, anderen klarzumachen, dass du Geld verdienen willst, ist diese: Besorg‘ dir ein Haus und ein Auto, und kämpfe dafür. Jede Firma wird dir dafür einen Kredit geben, weil sie wissen, dass du am Montag wieder zur Arbeit antanzen wirst, um dafür bezahlen zu können!“

Auch für ihn nähert sich der Montag, an dem Dr. Funkenstein wieder das Ruder übernimmt. Zwei Monate vor einer Tournee mit der Thang-Neuauflage The Mob muss er nämlich noch eben schnell drei LPs für verschiedene Kollegen aus dem Boden stampfen, mindestens ein Video abdrehen und dafür sorgen, dass die längst fertigen neuen Parliament- und Funkadelic-LPs endlich erscheinen können. Business as usual auf dem Mothership…



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Mehr über George Clinton und Parliament/Funkadelic

Written by Peter Jebsen

21. Mai 2008 um 23:22

17 Antworten

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  1. Großartig! Das hätte ich auch gerne miterlebt! :)

    Leider gibt’s die „New Times Funk“ nicht mehr und auch bei FunkToTheMax werden die Konzerttermine anscheinend nicht mehr gepflegt.

    Wenn Du Links kennst, wo ein alter Funkateer in (Süd)deutschland seine Konzertentzugserscheinungen lindern kann, würde ich mich sehr freuen.

    Ain’t No Party Like a P-Funk Party!

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    Norbert Schmidt

    26. Juni 2008 at 17:34

  2. […] Mit dem Leben „on the countryside“ hat Herr Clinton auch schon intensive Erfahrungen gesammelt – siehe meine Home Story über seine Funky Farm. […]

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  7. oh yeahhhhhh george clinton…….
    he personally invited me to live on exactly farm to record music with him.
    oh yes. i was there.
    quite a bit of time.. oh yes.

    george introduced me and my work and my photos and my songs.

    cordially, funky taurus

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    funky taurus

    10. Januar 2010 at 16:12

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  14. mmmmmmmmmmmeeeeeeeeeeeeehhhhhhhhhhhhrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrr

    weiter mehr ueber George Clinton.. He is a Genius!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!

    mmmoooooorrrrreeeeeeee
    he deserves it

    Funky Taurus

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    funky taurus

    27. Oktober 2011 at 22:44

  15. […] Funky Farmer George Clinton (German version, 21.05.2009) […]

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  16. […] Funky Farmer George Clinton (German version, 21.05.2009) […]

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