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Bratkartoffel-Emmy @ Flickenschildt

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Flickenschildt (Hamburg)

Flickenschildt (Hamburg)


Flickenschildt
Mundsburger Damm 63
22087 Hamburg-Uhlenhorst
Tel. (040) 220 51 52
Flickenschildt.com

Auf dem Nachhauseweg von einem weiteren zauberhaften Abend in meinem Lieblings-China-Restaurant Golden (Wartenau 4) ging ich zum ersten Mal nicht am Flickenschildt vorbei, sondern kehrte auf einen Absacker ein (kleines Krombacher für 2,20 Euro, aus dem dann wegen der netten Atmosphäre doch zwei wurden).

Manche der auch als negativ auszulegenden Bewertungen meiner „Vorschreiber“ stimmen. Das Flickenschildt ist definitiv „Old School“ und „urig“. So weit, die Kneipe ebenfalls als „oll“ und „muffelig“ zu bezeichnen, würde ich allerdings nicht gehen (u. a. deswegen, weil ich sie vor Inkrafttreten des Passivraucherschutzgesetzes nicht von innen erlebt habe).

Als ich vorhin dort einkehrte, war das Flickenschildt recht leer. Am Fenster saß ein älteres Pärchen, das um halb elf ein spätes Spiegelei-Abendessen zu sich nahm (er mit Weizen, sie mit Rotspon). An der Theke saß ein geringfügig jüngeres Paar (er mit Pils, sie mit Mineralwasser), das nett mit dem Wirt plauschte. Irgendwann kam aus dem Hinterzimmer ein englischsprachiges Paar, dem der Wirt in perfektem Englisch vier große Biere berechnete (drei für ihn, eins für sie). Kurz vor elf betraten die vom Wirt schon avisierten „Sportler“ die Gaststube; zwei Herren, die offenbar seit 58 Jahren in der Gegend kegeln.

Dies war eine halbe Stunde, in der sich mir dank des kommunikativen Wirts (der das Flickenschildt seit 20 Jahren betreibt) ein Großteil der Geschichte des Ladens erschloss. Er erzählte nämlich dem Tresenpaar von Emmy, einer Dame, die bis vor zwei Jahren und bis zum Alter von 86 bei ihm Kartoffeln gepellt hat (wahrscheinlich für die von den Vorschreibern erwähnten legendären Bratkartoffeln). In den 16 Jahren, in denen sie im Flickenschildt arbeitete, hat sie sich kein einziges Mal krank gemeldet – weil sie am Job hing. Und weil sie Angst vorm Alleinsein hatte – sowie, was wohl die Hauptsache war, vorm Sterben.

Laut der Schilderung des Wirts stand sie stets morgens um sechs auf, frühstückte gern mal im Wandsbeker Karstadt und lief dann im Mundsburg-Center herum, wo jeder Geschäftsinhaber sie kannte. Später am Tag schälte sie im Flickenschildt Kartoffeln und war stolz wie Bolle (wie die Berliner sagen), wenn ihr Stammgäste aus dem gegenüberliegenden Ernst-Deutsch-Theater (wie Thomas Fritsch und Judy Winter) Autogramme gaben und mit ihr schnackten. Ihr Ziel war, so wenig Zeit wie möglich allein zu Hause zu verbringen.

An ganz ruhigen Sommertagen, an denen niemand Bratkartoffeln essen mochte, ließ sie der Wirt deshalb trotzdem fünf Kilo schälen, die er am Ende des Tages wegwarf – weil ihr sonst zu Hause die Decke auf den Kopf gefallen wäre. Ein böser Sturz beendete vor zwei Jahren ihre aktive Zeit im Flickenschildt.

Ich komme definitiv wieder (vielleicht irgendwann mal nach der Happy Hour in der Cocktrails-Bar im Mundsburg-U-Bahnhof ;-) ).

Written by Peter Jebsen

8. Februar 2008 um 0:01

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