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Filmfest Hamburg GmbH in Hamburg

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Für mich ist das Filmfest Hamburg eins der Highlights des Jahres. So sehr ich die kleinen, aber feinen Programmkinos wie Abaton, Metropolis und 3001 liebe – Kinofilme wirken in großen, technisch gut ausgestatteten Sälen wie denen im Grindel-UFA und im Cinemaxx einfach noch besser. Vor allem, wenn sie nicht durch Synchronisierungsversuche verstümmelt werden, sondern wie beim Filmfest in den Originalfassungen mit Untertiteln glänzen dürfen.

Neben den sporadischen Verspätungen hat mich in diesem Jahr nur eins genervt (aber dafür können die Veranstalter nichts): Dass es mittlerweile nicht nur in den Multiplexen dieser Welt, sondern immer häufiger auch bei Filmfestivals Asis gibt, die ihr Handy im Kino nicht ausschalten und, wenn sie angerufen werden (was der ganze Kinosaal dank eines neckischen, auf volle Lautstärke eingestellten Klingeltons mitbekommt), auch noch die Unverfrorenheit besitzen, den Anruf nicht schnellstmöglich wegzudrücken, sondern mit lautem Brüllen entgegenzunehmen. Solche KnalldeppInnen sollten auf Lebenszeit Festivalverbot erhalten. ;-)

Zum Programm: Leider habe ich in diesem Jahr nur drei volle Tage und zwei Abende mitnehmen können, wobei ich immerhin mehr als 20 Filme erlebt habe. Hier meine spontanen Notizen (plus Stern-Bewertung im Qype-Stil, in chronologischer Reihenfolge):

Im Reich des Bösen / The Empire of Evil **** (Regie: Mohammad Farokhmanesh, Deutschland 2007): Der Regisseur, ein gebürtiger Iraner und Wahlhamburger, porträtiert die Lebensrealität im Iran anhand von fünf ProtagonistInnen. Überraschend offen, und zumindest mit einem Hauch von Optimismus versehen.

Immer nie am Meer ***** (R: Antonin Svoboda, Österreich 2007): Das österreichisch-deutsche Kabarettistenduo Stermann & Grissemann und Heinz Strunk von der Comedy-Truppe Studio Braun sind nach einem Unfall tagelang im Auto gefangen. Fängt lustig an, ist bitterbös und schwarzhumorig im Abgang.

The Rebirth / Ai no Yokan ** (R: Masahiro Kobayashi, Japan 2007): Ein Mann und eine Frau sind durch einen Schicksalsschlag verbunden, reden aber nie miteinander. Auch nicht ein Jahr später, als sie gemeinsam, aber unabhängig voneinander in einer anderen Stadt beim selben Arbeitgeber landen. Dieses Nichtreden dokumentiert der Film quälende 102 Minuten lang.

Jennas Kuchen – Für Liebe gibt es kein Rezept/Waitress ***** (R: Adrienne Shelly, USA 2007): Charmante Liebeskomödie um die Kellnerin und Kuchenkünstlerin Jenna (Keri Russell).

Lost in Toyko / Tokyo shikkaku (R: Kotaro Ikawa, Japan 2007): Bei bewusst ausgesuchten Filmen verliere ich selten die Geduld. Dieser war jedoch in den ersten 15 Minuten so banal-geschwätzig und wegen des zatterigen Beta-SP-Bildes so mühsam anzuschauen, dass ich ins nächste Kino wechselte. Den Streifen per Namensgebung in die Nähe von „Lost in Translation“ zu rücken, ist übelster Etikettenschwindel.

Who Loves the Sun **** (R: Matt Bissonnette, Kanada 2007): Frisches, witziges Dreiecksdrama.

Shak De India **** (R: Shimit Amin, Indien 2007): Hätte ich mir statt „Who Loves the Sun“ gegeben, wenn ich SDI nicht schon im Bollywood-Kino Himalaya Palace in Southall/Middlesex gesehen hätte ;-) .
Bollywood-Megastar Shahrukh Khan spielt einen abgehalfterten Hockeytrainer, der die indische Damennationalmannschaft gegen den Willen der bösen Funktionäre zur Weltmeisterschaft führen will. An dem Film hat mich als Bollywood-Fan nur gestört (lacht jetzt bitte nicht!), dass er gänzlich auf Gesangs- und Tanzszenen verzichtet.

Flawless – ein tadelloses Verbrechen **** (R: Michael Radford, Großbritannien/Luxemburg 2007): Der großartige Michael Caine und Demi Moore in der x-ten, aber gleichwohl unterhaltsamen Variante der Gaunerkomödie Marke „Der perfekte Raub“.

The Mugger / El asaltante ** (R: Pablo Fendrik, Argentinien 2007): Ein sympathischer älterer Herr raubt zwei Schulen aus und rennt dann bis zum Ende des Films durch die Stadt.

Forfeit **** (R: Andrew Shea, USA 2007): Dreckiger, auf Digi Beta gedrehter Gangster-Thriller aus Los Angeles, aber fernab von Hollywood. Mit Sherry Stringfield („E.R.“).

Underdogs ***** (R: Jan Hinrik Drevs, Deutschland 2007): Harter Knasti (Thomas Sarbacher) nimmt durch ein Resozialisierungsprogramm zur Ausbildung von Blindenhunden menschliche Züge an. Sehr sehenswert, da „Underdogs“ die Effekthascherei umschifft, die bei einem Film über süße kleine Hunde, harte, aber herzliche Knackis und eine attraktive Gefängnisdirektorin möglich gewesen wäre.

Moonpie **** (R: Drake Doremus, USA 2007): Zwei Darsteller aus der US-Comedy-Serie „MAD TV“ (hierzulande auf RTL zu sehen) spielen einen Schuldirektor und eine Lehrerin, die gemeinsam aus dem Alltagsfrust ausbrechen. Ein noch nicht wirklich ausgereiftes Regiedebüt, das aber mit einigen Glanzlichtern punkten kann – z. B. mit der zwischen entspannt-lakonisch und amerikanisch-exaltiert schwankenden Komödiantenkunst der Hauptdarsteller.

God Grew Tired of Us ***** (R: Christopher Dillon Quinn und Tommy Walker, USA/Kenia 2007): Bewegende Doku über „Lost Boys“ aus dem Sudan, die durch den Bürgerkrieg zu Waisen wurden, jahrelang in Flüchtlingslagern vegetierten und in den USA ein neue, wenn auch extrem fremde Heimat fanden. Koproduziert von Brad Pitt, mit Nicole Kidman als Off-Erzählerin.

Manual of Love 2 **** (Following Chapters) / Manuale d’amore 2 (Capitoli Successivi) (R: Giovanni Veronesi, Italien 2007): Vier witzige und gleichzeitig anrührende Episoden über Liebesfreud und Liebesleid. In Italien ein verdienter Kassenschlager.

13m² *** (R: Barthélemy Grossmann, Frankreich 2007): Gangsterthriller (drei Kleinkriminelle wagen den großen Coup …) und Psychodrama (… und müssen sich danach auf 13 Quadratmetern verstecken) in einem.

Temporary Release / Ledsaget udgang **** (R: Erik Clausen, Dänemark 2007): Dänischer Kinohit über den eintägigen Knasturlaub des Mittfünfzigers John (wunderbar gespielt vom Regisseur/Autor), der sich mit dem begleitenden Sicherheitsbeamten kabbelt.

On the Wings of Dreams / Swopnodanay **** (R: Golam Rabbany Biplob, Bangladesch 2007): In einer Second-Hand-Hose gefundene ausländische Geldscheine versetzen ein Dorf in Nord-Bangladesch in Aufruhr.
Für mich einer der heimlichen Favoriten des Filmfests: „Swopnodanay“ ist das Regiedebüt eines Cineasten aus Bangladesch, der als Hauptdarsteller den populären Sänger Mahmuduzzaman Babu gewinnen konnte. Man sieht dem Streifen mit seinen schönen Bildern und ausdrucksstarken Gesichtern nicht an, dass er ein Erstlingswerk ist, bei dem nicht nur einige der Laiendarsteller, sondern auch Teammitglieder erst während der Dreharbeiten lernten, wie man einen Kinofilm dreht.
Der Regisseur saß heute bei einem anderen Film neben mir und erzählte mir, dass ein deutscher Verleih die Weltrechte an „Swopnodanay“ habe – kann also sein, dass man das Werk auch nach dem Filmfest Hamburg noch mal in Deutschland zu sehen bekommt.

The Milky Way / A Via láctea ** (R: Lina Chamie, Brasilien 2007): Laut Programmheft sollen in Cannes „die hitzigen Dialoge des Liebespaars als ‚lateinamerikanische Antwort auf Woody Allen‘ gelobt“ worden sein. Ich fand den Film nach den ersten „hitzigen“ 10, 20 Minuten einfach nur ermüdend.

A Schoolgirl’s Diary / Han Nyeohaksaengeui Ilgi * (R: Jang In-hak, „Demokratische“ Volksrepublik Korea 2007): Diesmal stimme ich dem Cannes-Report des Programmhefts zu: >> Bei der Premiere in Cannes zog die Presse das Fazit: „Stets offen propagandistisch, doch auf befremdliche Weise ehrlich, erinnert ‚A Schoolgirl’s Diary‘ manchmal an ‚The Sound of Music‘ oder ein stalinistisches Musical aus den 30ern. <<
Wobei man im Gegensatz zu TSOM & Co. bis kurz vorm Schluss keine Ahnung hat, was uns der (Drehbuch-)Autor mit den gestelzt konstruierten Szenen und gekünstelten Dialogen eigentlich sagen will.
Diktator (und Filmfan) Kim Jong-il soll bei Drehbuch und Schnitt „beratend“ eingegriffen haben. Sollte das stimmen, kann ich mir sehr gut vorstellen, welche der besonders schmalzigen und propagandistischen Passagen auf sein Konto gehen. Wenn man nicht (wie ich) auch Trash etwas abgewinnen kann, ist der Film völlige Zeitverschwendung.

Ezra **** (R: Newton I. Aduaka, Frankreich/Nigeria/Österreich 2007): Arte-Produktion über einen Kindersoldaten und die Aufarbeitung seiner Taten vor der staatliche Kommission für „Truth and Reconciliation“ („Wahrheit und Versöhnung“). Stark, passioniert, verstörend.

A Man’s Job / Miehen Työ **** (R: Aleksi Salmenperä, Finnland 2007): Arbeitsloser wird aus Versehen zum Callboy. Humorvoll-melancholisch.

Jellyfish *** (R: Shira Geffen und Etgar Keret, Israel/Frankreich 2007): Vielleicht war ich am Ende des Filmfest-Marathons zu groggy, aber ich fand den Abschlussfilm des Filmfests 2007 (eine Tragikomödie, die in Cannes die „Caméra d’Or“ für den besten Debütfilm gewonnen hat) nicht wirklich spannend.
Am bemerkenswertesten war für mich hinterher der Auftritt von Regisseur Etgar Keret, der hauptberuflich Schriftsteller ist. Seinen Regiejob bekam er, nachdem er im Gespräch mit seiner Frau, der Drehbuchautorin Shira Geffen, seinen Frust darüber rausließ, dass niemand ihr tolles Drehbuch verfilmen wollte. Er sagte daraufhin: „Dann muss ich wohl Regie führen.“ Sie: „Aber du hast doch keine Ahnung davon.“ Er: „Habe ich doch!“ ;-)
Der Film, der visuell sehr ansprechend gestaltet ist und hervorragende Schauspielerleistungen bietet, beweist, dass Keret Recht hatte … auch wenn ich das am letzten Filmfest-Abend nicht so recht zu schätzen wusste. ;-)

Mein Beitrag zu Filmfest Hamburg GmbH – Ich bin PJebsen – auf Qype

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  1. […] Hamburg, das bis Donnerstag, 2. Oktober 2008, läuft. Ich befürchte, dass ich die 20 Filme des vergangenen Jahres nicht ganz schaffen werde, aber ich gebe mir Mühe. In den Kinopause werde ich natürlich twittern […]

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  2. […] Meine Bilanz des Filmfests 2007 […]

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