Die Journalistenvereinigung Netzwerk Recherche verleiht jedes Jahr den Negativpreis Verschlossene Auster für den „Informationsblockierer des Jahres“. Am Samstag ging diese Auszeichnung an die vier großen Stromkonzerne RWE, E.ON, EnBW und Vattenfall (Begründung hier).

Tina Groll (Netzwerk Recherche) übergibt die Verschlossene Auster an die Sprecher der vier größten deutschen Energiekonzerne. (Foto: © 2011 Peter Jebsen)
Interessanterweise fehlte in der auf sueddeutsche.de dokumentierten Laudatio die Passage, mit der Heribert Prantl (Süddeutsche Zeitung) am Samstag Nachmittag im Hamburger NDR-Konferenzzentrum einen der größten Lacher erzielte: Er merkte nämlich an, es habe, am Vorabend Debatten darüber gegeben, ob die Verschlossene Auster nicht ans Netzwerk Recherche selbst gehen sollte.
Hintergrund: Am Freitag Abend wurde in der Mitgliederversammlung der Gründungsvorsitzende des Netzwerks, Thomas Leif, wegen finanzieller Unregelmäßigkeiten gestürzt. Ich bin selbst nicht Mitglied des Netzwerks und kann daher den Fall Leif(s) nicht aufgrund von Infos aus erster Hand bewerten. Daher verweise ich nur auf ein paar Zeitungsartikel, eine Polemik des geschätzten Kollegen Christian Jakubetz, ein Blogbeitrag von SpiegelKritik.de und ein Interview mit Hans Leyendecker (Süddeutsche/Netzwerk Recherche):
- taz: “Putsch im ,Sauberkeitsverein’”
- Frankfurter Rundschau: “Flucht auf die Herrentoilette”
- Süddeutsche: “Aufklärer in Erklärungsnot”
- JakBlog: “Ein bisschen Politbüro im Netzwerk Sonntagsreden”
- SpiegelKritik: “Journalisten machen keine PR – wie schade”
- World Wide Wagner: “Glashaus netzwerk recherche”, mit O-Tönen von Heribert Prantl, Hans Leyendecker und Steffen Grimberg (taz)
2011 warf das Netzwerk Recherche den Sisyphos-Stein also in Richtung Atomindustrie, die – beachtlich! – vier Pressesprecher zur Preisverleihung schickte. Das Quartett musste sich in der ersten Reihe von Heribert Prantl zahlreiche Nettigkeiten anhören.

Etwa: „Der Staat hat fünfzig Jahre lang die Bad Bank für die Energiekonzerne gespielt: Er nahm ihnen die Aufgabe der Entsorgung des Atommülls ab, gewährte ihnen Steuervorteile und begrenzte die Haftung der Konzerne für nukleare Unfälle auf Summen, die in Anbetracht der Gefahren lächerlich waren. Das heißt: Die Konzerne strichen die Gewinne ein, der Staat übernahm die Risiken.
Aber: Der Staat hat einst das nuklear-monetäre Paradies geöffnet, er kann es auch wieder schließen. Angesichts von Fukushima wurde der Kanzlerin klar, auf welch ungeheuere Risiken sich der Staat und ihre Regierung nicht zuletzt mit der Laufzeitverlängerung eingelassen hatten.“
Später erinnerte Prantl an eine Kultserie: „Beim Nachdenken über die Informationspolitik und das Kommunikationsverhalten der Atomkonzerne ist mir, weiß Gott warum, auf einmal eine berühmte Szene aus der Fernsehserie ,Kir Royal’ eingefallen, in der Mario Adorf den Klebstoffgeneraldirektor Heinrich Haffenloher und Franz Xaver Kroetz den Reporter Baby Schimmerlos spielen. Als der Reporter nicht nach der Melodie tanzen will, die der Unternehmer pfeift, beginnt der ihm auf eine ganz eigene Weise zu drohen.“
Prantl weiter: „So war das im Film. Und manchmal ist die Wirklichkeit nicht so weit davon weg. Aber es hat nicht geklappt, nicht im Film und nicht in der Atompolitik. Das liegt nicht nur daran, dass der Tsunami das Geld weggespült hat. Es hat nicht geklappt, weil es eine kritische Öffentlichkeit gibt, die nach dem Laufzeitverlängerungsexzess noch wacher geworden ist, als sie es vorher war.“
Im Namen der Industrievertreter konterte Dr.Guido Knott (E.ON): “Ich nehme den Preis entgegen – ich nehme ihn jedoch nicht an.” Er warf dem Netzwerk vor, “alle Vergabekriterien über Bord geworfen” zu haben. Seine Gegenrede findet sich auf der Website des Netzwerks Recherche.

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Schlagwörter: #nr11, 2011, heribert prantl, jahreskonferenz, jahrestagung, netzwerk recherche, süddeutsche
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